Genusspunkt
must see

Madeiras wilde Seite

Weinberge, Levadas und die Nordküste

29. Oktober 2026 · Alexandra Gorsche

Wildes Madeira
© Genusspunkt

Funchal zeigt die elegante Seite Madeiras. Doch die Insel erzählt ihre spannendsten Geschichten oft außerhalb der Stadt: in den Weinbergen, im wilden Norden, entlang historischer Levadas und dort, wo Zuckerrohr, strohgedeckte Häuser und steile Klippen noch heute viel über Madeiras Herkunft und Lebensweise verraten.

Raus aus Funchal, hinein ins eigentliche Madeira

Funchal ist Madeiras elegante Visitenkarte. Doch irgendwann sollte man ins Auto steigen und losfahren. Denn außerhalb der Hauptstadt wird Madeira plötzlich wilder. Straßen schlängeln sich durch Berge, Vegetation wird dichter, Häuser kleben an Hängen und hinter der nächsten Kurve taucht wieder der Atlantik auf. Und genau dort beginnt für mich eine zweite Seite der Insel. Eine, die man weniger anschaut als erlebt.

Mein Madeira-Moment: barfuß mitten in der Weinlese

Es gibt Weinverkostungen. Und dann gibt es Erlebnisse, nach denen man Wein tatsächlich ein bisschen anders betrachtet. Bei unserer Harvest Experience auf Blandy's Quinta do Bispo in São Jorge ging es mitten hinein in die Weinlese inklusive traditionellem Traubenstampfen mit den Füßen. Barfuß in Trauben zu stehen, klingt zunächst fast ein bisschen folkloristisch. Ist man dann dort, zwischen Weinbergen und Menschen, die einem mit großer Selbstverständlichkeit ihre Tradition erklären, fühlt es sich vollkommen anders an. Man versteht plötzlich, wie eng Madeirawein mit dieser Landschaft verbunden ist. Steile Lagen. Terrassen. Handarbeit. Klima. Und vor allem Menschen.

Was mir besonders in Erinnerung geblieben ist, war die Herzlichkeit, mit der wir aufgenommen wurden. Nicht wie Zuschauer:innen einer Inszenierung, sondern fast wie Freunde, die für einige Stunden dazugehören dürfen.  Genau deshalb mein Tipp: Geht auf ein Weingut. Nicht nur in eine Verkostung. Geht zwischen die Reben. Fragt nach. Schaut euch an, wie auf Madeira gearbeitet wird. Erst dort versteht man Madeirawein wirklich. Zum Abschluss gab es bei uns einen traditionellen Lunch mit Espetada, dem berühmten madeirischen Fleischspieß. Traditionell wird das Fleisch auf Lorbeerholzspieße gesteckt und über offenem Holzkohlefeuer gegrillt. Der Lorbeer bringt dabei eine feine würzige Aromatik mit.

Weinberg, Feuer, Essen, Menschen. Mehr Madeira an einem Nachmittag geht kaum.

© Genusspunkt

© Genusspunkt

© Genusspunkt

© Genusspunkt

© Genusspunkt

© Genusspunkt

© Genusspunkt

© Genusspunkt

© Genusspunkt

© Genusspunkt

Mit dem Jeep in den Nordosten

Eine weitere Empfehlung: Jeep-Tour. Unsere führte uns durch den Nordosten Madeiras und allein die Fahrt ist Teil des Erlebnisses. Die Insel zeigt hier noch einmal ein völlig anderes Gesicht. Sattes Grün. Steile Hänge. Kleine Straßen. Atlantik. Nebel. Sonne. Manchmal alles innerhalb einer Stunde. Madeira auf der Karte wirkt kompakt. Sobald man unterwegs ist, merkt man jedoch, wie viele unterschiedliche Landschaften in dieser kleinen Insel stecken. 

© Genusspunkt

© Genusspunkt

Quinta do Furão: Aussicht bitte!  

Einer unserer Stopps war die Quinta do Furão bei Santana. Und ganz ehrlich: Die Lage ist spektakulär. Hoch über der Küste trifft sattes Grün auf Felsen und tiefblauen Atlantik. Das ist eine der Adressen, bei der man einfach die Zeit vergisst. 

Unser Genusstipp: das selbstgebackene Brot mit Süßkartoffeln zu einem Glas Wein. Mehr braucht es manchmal nicht.

© Genusspunkt

© Genusspunkt

© Genusspunkt

© Genusspunkt

© Genusspunkt

© Genusspunkt

Levadas: Madeira entlang des Wassers verstehen

Und dann gibt es etwas, das auf keiner ersten Madeira-Reise fehlen sollte: eine Levada-Wanderung.

Levadas sind historische Bewässerungskanäle, die Wasser aus den regenreicheren Bergregionen in trockenere Gebiete der Insel bringen. Entlang vieler dieser Wasserwege verlaufen heute Wanderpfade durch Lorbeerwald, Schluchten, Tunnel und spektakuläre Berglandschaften. Eingefügter Text Das Faszinierende daran ist: Man folgt einem jahrhundertealten System, das für Landwirtschaft und Besiedlung Madeiras von enormer Bedeutung war. Je nach Strecke gibt es einfache Spaziergänge, aber auch anspruchsvollere Touren mit engen Passagen, Tunneln und Höhenunterschieden. Deshalb: gute Schuhe. Und je nach Route gehört auch eine Stirnlampe in den Rucksack.

GENUSSPUNKT-Tipp: Wer zum ersten Mal auf Madeira ist, sollte zumindest eine Levada-Wanderung einplanen.

© Genusspunkt

© Genusspunkt

Santana: Diese Häuser sind viel mehr als ein Fotomotiv

Die kleinen dreieckigen Häuser mit ihren weit heruntergezogenen Strohdächern gehören zu den bekanntesten Motiven der Insel. Natürlich sind sie fotogen. Aber interessant werden sie erst, wenn man versteht, warum sie so gebaut wurden. Die traditionellen Casas de Santana bestanden aus Holz und Stroh, Materialien, die auf der Insel verfügbar und vergleichsweise günstig waren. Ihre Dächer sind extrem steil und reichen teilweise fast bis zum Boden. Dadurch konnte Regen besonders schnell ablaufen und drang weniger leicht in das Strohdach ein. Gleichzeitig half die Konstruktion dabei, die Temperatur im Inneren auszugleichen. Im Dachbereich wurden früher unter anderem landwirtschaftliche Produkte und Getreide gelagert. Wir hatten bei unserer Reise besonderes Glück. Uns wurde nicht nur eines der bekannten Schauhäuser gezeigt, sondern ein authentisches Haus, in dem noch vor nicht allzu langer Zeit der Großvater des Eigentümers gelebt hatte. Und spätestens dann verändert sich der Blick. Man steht nicht vor einer Sehenswürdigkeit, sondern ist mitten in der Lebensweise angelangt. Deshalb: unbedingt anschauen, aber bitte nicht nur für das Foto.

© Genusspunkt

© Genusspunkt

© Genusspunkt

© Genusspunkt

Zuckerrohr: Madeiras anderes flüssiges Kulturgut

Madeirawein kennt fast jeder. Aber die Insel hat noch eine zweite, ausgesprochen spannende flüssige Geschichte: Rum aus Zuckerrohr. Zuckerrohr spielte historisch eine enorme Rolle auf Madeira. Noch heute bildet es die Grundlage für den regionalen Aguardente de Cana und Madeira-Rum und damit wiederum für Poncha. Das Besondere am Madeira-Rum: Er wird direkt aus frischem Zuckerrohrsaft hergestellt und nicht aus Melasse. Der Saft wird vergoren und anschließend destilliert. Es gibt junge, klare Varianten ebenso wie länger im Holz gereifte Rums. Auch historisch ist das Thema faszinierend. Zuckerrohr kam bereits im 15. Jahrhundert nach Madeira und entwickelte sich zeitweise zu einem der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren der Insel. Zucker wurde zum sprichwörtlichen „weißen Gold“. Später entstand aus dieser Zuckerrohrtradition auch der Aguardente de Cana. Und damit schließt sich wieder der Kreis zur Poncha. Denn genau dieser Zuckerrohrbrand bildet ihre alkoholische Basis.

Unser Tipp: Eine Destillerie besuchen

Auch hier gilt dasselbe wie beim Wein: Wenn man gesehen hat, wo ein Produkt herkommt und wie es entsteht, schmeckt man es danach anders. Madeira-Rum ist eben nicht bloß Rum. Er ist gewissermaßen die flüssige Verlängerung der Zuckerrohrfelder und damit ein Stück Inselgeschichte im Glas.

© Genusspunkt

© Genusspunkt

© Genusspunkt

© Genusspunkt

Madeira funktioniert nicht in einer einzigen Landschaft

Und das macht die Insel aus: Am selben Tag kann man zwischen Reben stehen, durch dichten Wald fahren, entlang einer Levada wandern, auf einem Berg im Nebel stehen und wenige Stunden später wieder über dem Atlantik in der Sonne sitzen. Und jedes Mal fühlt es sich an, als hätte jemand die Kulisse ausgetauscht.

Deshalb unser wichtigster Tipp für den Norden: Nicht nur Ziele planen. Auch den Weg dazwischen anschauen. Denn auf Madeira ist die Fahrt nicht einfach der Weg zum nächsten Programmpunkt. Sehr oft ist sie bereits das Erlebnis.

Unser Fazit

Funchal macht es leicht, Madeira zu mögen. Aber in den Weinbergen, an den Levadas, in Santana und an der Nordküste beginnt man zu verstehen, warum die Insel so besonders ist. Hier begegnen sich Natur und Landwirtschaft, Tradition und Alltag ständig. Und vielleicht bleibt genau deshalb so viel hängen. Nicht nur Bilder. Sondern Gerüche, Menschen, Geschmäcker und dieses Gefühl, dass hinter der nächsten Kurve wahrscheinlich schon wieder etwas kommt, mit dem man nicht gerechnet hat. Madeira ist klein auf der Karte. Aber erstaunlich groß im Erlebnis.

Mehr zu Madeira:

Weiterlesen