Madeira, du Schöne!
Meine liebsten Orte zwischen Funchal und Atlantik
24. Oktober 2026 · Alexandra Gorsche

Wo übernachten, was erleben und wo genießen? Madeira überrascht zwischen Altstadt, Atlantik und einer jungen Küche, die ihre Herkunft selbstbewusst neu interpretiert. Unsere persönlichen Tipps für Funchal und den Süden der Insel.
Madeira macht es einem ziemlich leicht, sich zu verlieben
Madeira hat die seltene Gabe, gleichzeitig wild und elegant zu wirken. Zwischen üppigen Hängen, kleinen Fischerorten, tropischen Früchten und einer Küche, die ihre Wurzeln neu interpretiert, entstehen Tage, die sich erstaunlich voll anfühlen, ohne je gehetzt zu wirken. Morgens sitzt man in Funchal bei Bolo do Caco und tropischen Früchten, wenig später steht man zwischen Fischern und bunten Booten in Câmara de Lobos und am Abend hält man auf einem Schiff ein Glas in der Hand, während die Sonne irgendwo hinter dem Atlantik verschwindet.
Madeira ist intensiv. Atlantik und Berge. Traditionelle Fischerdörfer und moderne Gastronomie. Früchte, die bei uns kaum jemand kennt. Madeirawein, Poncha und eine Landschaft, die sich gefühlt hinter jeder Kurve neu erfindet. Und genau deshalb würde ich beim ersten Besuch gar nicht versuchen, möglichst viel „abzuarbeiten“. Madeira sollte man erleben.
Ankommen mittendrin: Barceló Funchal Oldtown
Unsere Basis während der Reise war das Barceló Funchal Oldtown und genau diese Lage würde ich für einen ersten Aufenthalt wieder wählen. Das Hotel liegt mitten in der Altstadt von Funchal. Was zunächst nach einem organisatorischen Vorteil klingt, verändert eine Reise tatsächlich: Man geht morgens einfach vor die Tür, schlendert durch die Stadt, spaziert zum Markt, bleibt spontan auf einen Kaffee im UauCacau oder ein Glas Wein stehen und kann abends vieles zu Fuß erreichen. Kein großes Planen. Keine Fahrt für jede Kleinigkeit. Einfach Funchal erleben. Und auch kulinarisch beginnt die Reise hier bereits beim Frühstück. Neben internationalen Klassikern gab es Bolo do Caco, Pastéis de Nata und eine wirklich fantastische Auswahl an frischen Früchten. Gerade Letztere sind auf Madeira ein kleines Erlebnis für sich. Die kleinen Madeira-Bananen schmecken intensiv und wunderbar süß, dazu kommen verschiedene Maracuja-Sorten, Anona und Früchte, bei denen man zunächst einmal fragen muss: Was ist das eigentlich? Genau das liebe ich auf Reisen.
GENUSSPUNKT-Tipp: Beim Frühstück nicht automatisch das wählen, was man ohnehin kennt. Madeira eignet sich hervorragend dafür, den Urlaub bereits morgens auf dem Teller beginnen zu lassen.
© Genusspunkt
© Genusspunkt
© Genusspunkt
Funchal zu Fuß entdecken: Unbedingt auf den Markt
Funchal erschließt sich wunderbar zu Fuß. Eine Walking Tour ist gerade am Anfang der Reise ideal, weil plötzlich vieles einen Zusammenhang bekommt: Architektur, Geschichte, Handel und vor allem all jene Lebensmittel, die einem in den kommenden Tagen auf Tellern und in Gläsern begegnen. Unverzichtbar ist dabei der Mercado dos Lavradores.
Seit 1940 gehört der Markt zum Alltag Funchals und ist gleichzeitig Markt, Treffpunkt und eine Art kulinarisches Schaufenster Madeiras. Und bitte: nicht nur hindurchlaufen und fotografieren. Schauen. Fragen. Riechen. Probieren. Gerade die Früchte zeigen eindrucksvoll, was das subtropische Klima der Insel möglich macht. Neben unterschiedlichen Maracuja-Sorten, Anona und kleinen Madeira-Bananen findet man dort beispielsweise den Fruto Delicioso, die Frucht der Monstera deliciosa. Sie sieht ein wenig so aus, als hätte jemand Banane und grüne Maiskolbe gekreuzt und schmeckt reif irgendwo zwischen Banane, Ananas und Anona. Wichtig: Sie wird erst gegessen, wenn sie vollständig reif ist und sich die äußeren Segmente zu lösen beginnen.
GENUSSPUNKT-Tipp: Zeit mitbringen. Wer den Markt in zehn Minuten „erledigt“, verpasst eigentlich genau das, weshalb man dort sein sollte.
© Genusspunkt
© Genusspunkt
© Genusspunkt
© Genusspunkt
Süßes Funchal: zwei Stopps, die man nicht auslassen sollte
Wer in Funchal zwischendurch Lust auf etwas Süßes hat oder ein kulinarisches Mitbringsel sucht, sollte sich zwei Adressen merken. UAUCacau bringt Madeira in Pralinenform: Master Chocolatier Tony Fernandes arbeitet mit regionalen Aromen wie Madeirawein, Poncha, Mel de Cana, Maracuja, Banane, Pitanga oder Mango. Besonders bekannt ist die Maracuja-Praline, die bereits bei einem nationalen Wettbewerb mit Gold ausgezeichnet wurde. Die Schokoladen werden handwerklich hergestellt, ohne künstliche Farb- und Konservierungsstoffe, ein schöner kleiner Zwischenstopp und gleichzeitig ein ziemlich gutes Souvenir.
Nur ein paar Schritte weiter wartet dann ein Stück echte Funchal-Geschichte: die Fábrica Santo António. Sie wurde bereits 1893 als erste Keks- und Biskuitfabrik Madeiras gegründet und wird heute in fünfter Familiengeneration geführt. Besonders charmant: Das Geschäft befindet sich noch immer im historischen Gebäude, Teile der Einrichtung sind original erhalten und selbst einige der alten Maschinen werden bis heute für die Produktion genutzt. Unbedingt mitnehmen sollte man dort den Bolo de Mel de Cana da Madeira, den traditionellen madeirischen Zuckerrohrhonig-Kuchen. Dazu kommen die berühmten Bolachas und Biscoitos, verschiedene Broas und mein Tipp für alle, die gern essbare Souvenirs verschenken: einfach ein paar unterschiedliche Sorten einpacken. Besonders typisch sind etwa Broas de Mel de Cana, also kleine Gebäcke mit Zuckerrohrhonig; zu den Klassikern der Manufaktur zählen außerdem traditionelle Kekse und Biskuits in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen.
GENUSSPUNKT-Tipp: Nicht alles sofort aufessen, zumindest theoretisch. Denn sowohl die Pralinen von UAUCacau als auch Bolo de Mel und Kekse aus der Fábrica Santo António sind genau jene Mitbringsel, bei denen man zu Hause noch einmal kurz nach Madeira zurückschmeckt.
© Genusspunkt
© Genusspunkt
© Genusspunkt
© Genusspunkt
© Genusspunkt
© Genusspunkt
Câmara de Lobos: Fischerboote, Fisch und natürlich Poncha
Nur wenige Kilometer später fühlt sich Madeira bereits wieder anders an. Câmara de Lobos gehört zu jenen Orten, die man nicht nur anschauen, sondern ein wenig auf sich wirken lassen sollte: Fischerboote im Hafen, steil ansteigende Straßen, Atlantik und diese angenehm unperfekte Mischung aus Alltag und Postkartenmotiv. Zum Lunch ist das Restaurante Vila do Peixe eine wunderbare Adresse. Natürlich spielt Fisch hier die Hauptrolle, aber der Blick konkurriert durchaus mit dem Teller.
Und dann bitte: Poncha bestellen. Besonders schön fand ich, dass sie vor unseren Augen frisch zubereitet wurde. In diesem Moment versteht man plötzlich, dass Poncha eben nicht einfach nur irgendein Touristengetränk ist. Sie gehört zu Madeira, zu Zuckerrohr, Aguardente de Cana und zur Geschichte der Insel. Und ja: Sie schmeckt ziemlich harmlos. Sie ist es nicht unbedingt.
© Genusspunkt
© Genusspunkt
Einmal hinaus aufs Meer: AESTUS und der vielleicht schönste Sonnenuntergang
Eines meiner persönlichen Highlights war unsere private Tour mit AESTUS, gestartet von der Marina in Calheta. Gefahren wird mit einer Azimut Atlantis 50; die Touren können individuell gestaltet werden. An Bord gibt es Kabinen, Küche und Sonnendeck, auf Wunsch sind auch Snacks beziehungsweise ein Essen möglich. Aber viel wichtiger als technische Daten war für mich die Atmosphäre. Die Crew war unglaublich herzlich, alles fühlte sich entspannt und unkompliziert an. Wer Lust hat, kann unterwegs ins Meer springen und schwimmen gehen, andere lehnen sich einfach zurück und genießen.
Und dann passiert irgendwann dieser Moment: Die Sonne steht tief. Madeira liegt hinter einem. Vor einem nur Atlantik. Und man steht mit einem Glas in der Hand auf dem Schiff. Unbezahlbar. Es ist außerdem erstaunlich, wie anders die Insel vom Wasser aus wirkt. Erst hier erkennt man richtig, wie steil und dramatisch Madeira aus dem Atlantik aufsteigt. Wenn ich eine Erfahrung sofort wiederholen würde, dann diese.
© Genusspunkt
© Genusspunkt
© Genusspunkt
© Genusspunkt
AUDAX: Wenn Madeira sich kulinarisch neu erzählt
Mindestens einen Abend würde ich der modernen madeirischen Küche widmen. Ein besonders spannender Ort dafür ist AUDAX – Progressive Madeiran Cuisine in Funchal. Küchenchef César Abreu Vieira nimmt die kulinarische Identität Madeiras als Ausgangspunkt und übersetzt sie in eine moderne, technisch präzise Küche. Unser Menü war unfassbar spannend: Bereits der Einstieg mit Poncha und Garnele von der Küste griff zwei sehr typische Elemente der Insel auf. Danach folgten unter anderem eine Interpretation von Açorda mit Brot aus Santana, Fisch von der Küste mit Zitronengras, Ochsenschwanz mit geräuchertem Rinderherz, Pilzen und Süßkartoffel sowie zum Abschluss ein Bananenpudding mit saisonalem Fruchtsorbet und Torresmo. Gerade diese Gratwanderung gefiel mir besonders: Tradition ist erkennbar, aber auf einem neuen Level. Auch das Ambiente passt dazu: gedämpft, elegant, angenehm, dazu ein ausgesprochen aufmerksamer Service. Für mich eine jener Adressen, die zeigen, wie selbstbewusst Madeiras Gastronomie inzwischen geworden ist.
© Genusspunkt
© Genusspunkt
© Genusspunkt
© Genusspunkt
AVISTA: Vielleicht ein Date? Auf jeden Fall Genuss
Und dann gibt es Restaurants, bei denen man schon beim Hinsetzen weiß: Das wird ein schöner Abend. Das AVISTA liegt auf einem Felsvorsprung oberhalb des Atlantiks im Les Suites at The Cliff Bay. Der Blick ist tatsächlich spektakulär. Meer, Himmel und Weite und davor ein Restaurant, das angenehm elegant ist, ohne steif zu wirken. Küchenchef João Luz steht für eine moderne mediterrane Küche mit saisonalen und regionalen Produkten. Unser Menü zeigte diese Bandbreite wunderbar: Prawn al Diablo mit Knoblauch, Chili und Zitrone, Avista-Hummus mit getrocknetem Tomatenpesto, Minze und Sumach, Black-Angus-Tatar mit Balsamico, Pommery-Senf und Black-Garlic-Gelato sowie gepresste Short Rib. Zum Dessert gab es eine Exotic Symphony aus Passionsfrucht-Ganache, Guavensorbet, Minze und Limette. Kulinarisch sehr fein, atmosphärisch wunderschön und einer dieser Orte, die man durchaus für einen besonderen Abend abspeichern darf. Oder sagen wir es weniger förmlich: Für ein Date ziemlich großartig. Und wenn gerade niemand gedatet werden soll? Auch egal. Für Genuss braucht man schließlich keinen Anlass.
© Genusspunkt
© Genusspunkt
© Genusspunkt
© Genusspunkt
© Genusspunkt
© Genusspunkt
Und dann: einmal gar nichts planen
Das klingt banal und ist vielleicht mein wichtigster Madeira-Tipp. Nicht jeden Sonnenuntergang terminisieren. Nicht jeden Aussichtspunkt abhaken. Nicht ständig zum nächsten Highlight fahren. Irgendwann einfach sitzen bleiben. Eine Poncha oder ein Glas Madeirawein bestellen. Auf den Atlantik schauen. Menschen beobachten.
Unser Fazit
Funchal ist ein wunderbarer Ausgangspunkt, aber keinesfalls nur eine Basisstation. Markt, Restaurants, Hafen, Câmara de Lobos und der Atlantik liegen nah beieinander und trotzdem fühlt sich jeder Tag anders an. Madeira ist eine Destination, bei der Genuss nicht als Extra zur Reise dazukommt. Er ist Teil davon. Und spätestens beim Sonnenuntergang auf dem Atlantik weiß man: Ein Besuch reicht wahrscheinlich nicht.


