Martin Klein im Interview: „Zum Erfolg gibt es keinen Lift“
Zwischen 280 Gastköchen, maximalem Geschmack und der Kraft eines starken Teams: Executive Chef Martin Klein über Kreativität, Führung und das Privileg, im Restaurant Ikarus einmal selbst aus dem Vollen zu schöpfen.
29. September 2026 · Alexandra Gorsche

Monat für Monat beschäftigt sich Martin Klein mit einer neuen kulinarischen Welt. Er reist zu internationalen Spitzenköchen, lernt ihre Philosophie, Produkte und Techniken kennen und bringt deren Handschrift anschließend gemeinsam mit seinem Team auf die Teller des Restaurant Ikarus im Red Bull Hangar-7 in Salzburg.
Das Konzept ist außergewöhnlich: Jeden Monat prägt eine andere Persönlichkeit der internationalen Fine-Dining-Szene das Menü. Klein und sein Team müssen sich deshalb permanent neu erfinden, neue Techniken beherrschen und völlig unterschiedliche Küchenstile verstehen. Der Executive Chef bezeichnet rund 280 Gastköche als Inspirationsquelle seiner bisherigen Arbeit. Das offizielle Ikarus-Konzept sieht genau diesen permanenten Perspektivwechsel als Herzstück des Restaurants.
Doch einmal im Jahr dreht sich das Prinzip um. Jedes Jahr im August gehört die Bühne Martin Klein und seinem Ikarus Team selbst. Ein Monat ohne fremde kulinarische Handschrift und damit die Gelegenheit, zu zeigen, welche eigene Küche aus all den Eindrücken, Reisen und Begegnungen entstanden ist. Wir haben Martin Klein gefragt, was mehr als zwei Jahrzehnte Ikarus mit einem Koch machen, wann ein Gericht für ihn wirklich fertig ist und warum Spitzenküche für ihn vor allem auch eine Frage von Mannschaft und Motivation ist.
ALEXANDRA GORSCHE: Martin, du beschäftigst dich Monat für Monat mit einigen der besten Köche der Welt. Was hat diese permanente kulinarische Reise mit deiner eigenen Küche gemacht?
MARTIN KLEIN: Sie hat meinen Horizont enorm erweitert. Man wird automatisch kreativer, weil man viel schneller auf Kombinationen kommt und unglaublich viele unterschiedliche Herangehensweisen kennenlernt. Aber man lernt nicht nur etwas über Produkte und Techniken. Man lernt auch sehr viel über Menschen. Gerade der August ist für uns deshalb etwas Besonderes: Da heißt es hundert Prozent Ikarus. Wir können wirklich aus dem Vollen schöpfen. Wir müssen kein Menü entwickeln, das zusätzlich oder nur sporadisch verkauft wird und uns dadurch vielleicht schon wieder ein Stück weit einschränkt. Wir haben das gesamte Team, alle Möglichkeiten und die Produkte, die wir uns wünschen. Alles, was wir uns vorgenommen haben, kann auf den Tisch kommen.
Beim Anrichten
© Helge Kirchberger Photography
Thai Wagyu Beef, Erdnuss, Gurke, Curry
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Ikarus Team
© Helge Kirchberger Photography
GENUSSPUNKT-Faktor
Eine interessante Konsequenz des Ikarus-Konzepts: Wer permanent andere kulinarische Handschriften analysiert, entwickelt irgendwann nicht weniger, sondern mehr eigene Sprache. Inspiration wird dann nicht zum Kopieren, sondern zum Werkzeugkasten.
Wann weißt du: Jetzt ist ein Gericht wirklich fertig?
Natürlich wird man mit den Jahren reifer. Ich habe mittlerweile sehr viel gesehen, selbst unglaublich viel gekocht und mich von rund 280 Gastköchen inspirieren lassen. Dadurch entwickelt man ein Gefühl dafür. Man ist irgendwann nicht mehr überrascht, ob ein Gericht funktioniert oder ob noch etwas fehlt. Man weiß es. Gleichzeitig lasse ich mich sehr gerne von meinen jungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern inspirieren. Wir haben ein starkes Team und unglaublich viele gute Ideen. Auch im aktuellen Menü stammen viele Ansätze aus diesem gemeinsamen kreativen Prozess.
Wie baut man aus so vielen Ideen ein Menü und nicht einfach nur eine Aneinanderreihung großartiger Teller?
Wir möchten in einem Menü keine Berg- und Talfahrt. Die Linie soll nach oben gehen. Gericht für Gericht soll eine Steigerung entstehen, bis hin zu einer richtigen Explosion an Geschmack. Und wenn ein Produkt im Mittelpunkt steht, dann soll es das auch wirklich tun. Wenn wir einen Trüffelgang servieren, geht es um Trüffel. Wenn wir einen Kaviargang servieren, geht es um Kaviar. Das Gericht braucht einen klaren Fokus.
Weniger kulinarisches Rauschen, mehr Hauptdarsteller
Dieser Satz beschreibt einen der wesentlichen Unterschiede zwischen komplexer und komplizierter Küche: Ein Gericht kann technisch hochentwickelt sein und trotzdem sofort verständlich schmecken. Klein sucht nicht den Effekt um des Effekts willen. Sein Anspruch ist Konzentration: Ein Spitzenprodukt soll erkennbar bleiben, selbst wenn dahinter enorme technische Arbeit steckt.
Deine Küche in drei Worten?
Stark im Geschmack. Kreativ. Spritzig.
Mit welchem Gefühl soll ein Gast nach einem Abend im Ikarus nach Hause gehen?
Die Gerichte sollen präzise und geschmacksintensiv sein, gleichzeitig aber frisch und leicht. Gerade im Sommer wollen wir keine Küche, nach der man sich erschlagen fühlt. Es sollen Sommergerichte sein. Mit Intensität, aber auch mit Leichtigkeit.
Was macht für dich eine gute Führungskraft in einer Küche aus?
Mitarbeiter zu motivieren. Und ich habe wirklich großes Glück mit meinem Team. Das darf man ruhig einmal sagen. Ich kann mich schließlich nur so weit aus dem Fenster lehnen, wie meine Mannschaft mir folgt und mitmacht. Wenn wir uns etwas Großes vornehmen, muss ich meinem Team auch sehr viel abverlangen können. Das funktioniert nur, wenn alle gemeinsam bereit sind, diesen Weg zu gehen.
Foie Gras, Kirschblüte, Pistazie
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Ikarus Team
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Jakobsmuschel, Pfirsich, Szechuanpfeffer, Vin Jaune, Tagetes Öl
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„Ich kann mich nur so weit aus dem Fenster lehnen, wie meine Mannschaft mir folgt.“
Leadership statt Küchenhierarchie
Denn Spitzenküche wird nach außen oft über einzelne Namen erzählt. Tatsächlich funktioniert ein Restaurant dieser Größenordnung jedoch nur über ein hochpräzises Zusammenspiel zahlreicher Menschen. Dass Klein den Erfolg ausdrücklich mit seinem Team verknüpft, ist daher mehr als Bescheidenheit: Kulinarische Exzellenz ist immer auch Organisations- und Führungskompetenz. Das Ikarus-Team arbeitet dabei unter besonders ungewöhnlichen Bedingungen. Jeden Monat ändern sich Küchenstil, Produkte, Techniken und Philosophie. Was anderswo über Jahre perfektioniert wird, muss hier innerhalb kürzester Zeit verstanden und reproduziert werden. Genau diesen permanenten Wechsel beschreibt auch das Restaurant selbst als eine der zentralen Herausforderungen des Gastkochkonzepts.
Was möchtest du jungen Köchinnen und Köchen mitgeben, die heute in diesen Beruf starten?
Einfach dranbleiben. Nicht so schnell aufgeben. Ich sehe viele junge Köche, die nach kurzer Zeit vielleicht schon die Motivation verlieren. Natürlich ist dieser Beruf nicht immer ein Zuckerschlecken. Einen Satz habe ich schon gehört, als ich selbst meine Karriere begonnen habe: Zum Erfolg gibt es keinen Lift. Man muss motiviert bleiben, weitergehen und man muss es gerne machen. Denn wenn man es nicht gerne macht, ist es irgendwann einfach zu viel.
Wenn du deine eigene Karriere noch einmal von vorne beginnen könntest: Würdest du etwas anders machen?
Nicht viel. Ich bin sehr dankbar für den Weg, den ich gehen durfte.
Ikarus Team
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Martin Klein und Alexandra Gorsche
© Genusspunkt
Ikarus Team
© Helge Kirchberger Photography
Eine Küche, die sich aus Veränderung entwickelt
Vielleicht liegt darin auch das Paradox des Restaurant Ikarus. Martin Klein arbeitet seit Jahren an einem Ort, dessen einzig wirkliche Konstante die Veränderung ist. Ein Monat kann französisch geprägt sein, der nächste nordisch, avantgardistisch oder mediterran. Für jeden neuen Gastkoch reist Klein vorab zu dessen Restaurant, setzt sich mit seiner Philosophie auseinander und bereitet das Team in Salzburg auf die neue kulinarische Handschrift vor.
Und gerade deshalb ist der August interessant. Wenn Martin Klein und das Ikarus Team selbst kochen, sieht man nicht einfach eine weitere Handschrift. Man erlebt gewissermaßen die Summe aus Jahrzehnten kulinarischer Begegnungen, gefiltert durch die eigene Haltung. Das Ergebnis beschreibt Klein selbst überraschend schnörkellos: stark im Geschmack, kreativ und spritzig.
Eine große Küche braucht am Ende tatsächlich nicht mehr Worte.
Faktenbox: Das Restaurant Ikarus im Red Bull Hangar-7
Restaurant: Ikarus
Ort: Red Bull Hangar-7, Salzburg, Österreich
Executive Chef: Martin Klein
Patron: Eckart Witzigmann
Konzept: Jeden Monat entwickelt das Ikarus Team gemeinsam mit einem anderen internationalen Spitzenkoch ein neues Menü. Martin Klein besucht die Gastköche vorab an deren Wirkungsstätten und beschäftigt sich intensiv mit ihrer kulinarischen Philosophie, den Techniken und Produkten.
Das Besondere am August: Traditionell übernimmt das Ikarus Team selbst die kulinarische Hauptrolle. Im August 2026 wurden Martin Klein und das Ikarus Team offiziell als Gastköche geführt.
Auszeichnungen 2026:
2 Michelin-Sterne; zusätzlich nennt das Restaurant fünf Gault&Millau-Hauben und 19 Punkte, 100 Falstaff-Punkte und vier Gabeln sowie fünf Löffel im Schlemmer Atlas. Das Ikarus ist außerdem Mitglied von Les Grandes Tables du Monde.
Adresse: Wilhelm-Spazier-Straße 7A, 5020 Salzburg.



