Kwame Onwuachi über Streetfood, Fine Dining, Authentizität und die Kraft des eigenen Weges
Interview mit dem James-Beard-Award-prämierten Spitzenkoch hinter Tatiana in New York, Dōgon in Washington, D.C., und seinem expandierenden afro-karibischen Kulinarik-Universum
02. September 2026 · Alexandra Gorsche

Für Kwame Onwuachi, ist Essen niemals einfach nur Essen. Es ist Erinnerung, Bewegung, Migration, Kultur, Herkunft und persönliche Wahrheit serviert auf einem Teller. Der mit dem James Beard Award ausgezeichnete Koch, Gastronom und Autor hat eine kulinarische Sprache geschaffen, die tief in New York City, Nigeria, Louisiana und der Karibik verwurzelt ist. Damit zählt er heute zu den einflussreichsten Stimmen der zeitgenössischen amerikanischen Gastronomie.
Sein Restaurant Tatiana in New York City wurde von der New York Times zwei Jahre in Folge zum „#1 Restaurant in New York“ gekürt. Auch sein Restaurant Dōgon in Washington, D.C. entwickelte sich in kürzester Zeit zu einer der meistdiskutierten kulinarischen Adressen der US-Hauptstadt. In seiner offiziellen Biografie wird Onwuachi zudem als eine der TIME 100 Most Influential People of 2025 geführt.
Im Gespräch spricht Kwame Onwuachi darüber, warum Streetfood längst in die Welt des Fine Dining gehört, wie man ein Gericht ehrt, ohne ihm seine Identität zu nehmen, was Authentizität wirklich bedeutet und warum junge Köchinnen und Köche weniger dem Ziel hinterherlaufen, sondern vielmehr den Weg selbst schätzen sollten.
Interview: Kwame Onwuachi über Geschmack, Kultur und die Zukunft authentischer Küche
Was macht ein einfaches Streetfood-Gericht würdig für Fine Dining?
Ich glaube, Streetfood ist bereits Fine Dining würdig. Wenn man die Zutaten eines Tacos am Straßenrand in Guadalajara genau betrachtet, steckt darin genauso viel Arbeit wie in einem Fine-Dining-Gericht. Natürlich berücksichtigt man im Fine Dining zusätzlich alle Aspekte des Erlebnisses: die Guest Experience, das Gefühl, dass es den Gästen an nichts fehlt, die Temperatur im Raum, die Pflege der Toiletten. Aber am Ende des Tages ist Essen Essen. Wenn man Arbeit investiert und diese Arbeit mit Geschmack verbindet, dann kann man genau dieses Gericht, das am Straßenrand serviert wird, in ein Fine-Dining-Restaurant bringen und voilà: Es ist Fine Dining.
Wie kann man ein Gericht verfeinern, ohne seine ursprüngliche Identität zu verlieren?
Genau darum geht es: Man kocht nicht für Fine Dining. Man kocht für Geschmack. Man kocht mit Respekt vor dem Gericht besonders dann, wenn man es aus seinem ursprünglichen Umfeld herausnimmt, etwa von der Straße in einen anderen Raum. Man sollte es ehren, statt zu versuchen, es „besser“ zu machen. Denn das kann man nicht. Das Gericht kommt bereits aus einer bestimmten Geschichte, aus einem bestimmten Kontext.
Wenn man sich entscheidet, mit einem solchen Gericht zu arbeiten, bedeutet das, dass jemand bereits etwas geschaffen hat, das man selbst nicht aus dem Nichts hätte erschaffen können. Man kreiert also nicht etwas vollkommen Neues. Man nimmt etwas Bestehendes und formuliert es durch die eigene Sicht auf Essen neu. Anstatt sich zu fragen: „Wie kann ich das veredeln?“, sollte man sich fragen: „Wie kann ich es zu meinem eigenen machen?“ Genau so lässt sich ein Gericht transformieren, ohne ihm das zu nehmen, was es ursprünglich so kraftvoll macht.
Wann hatten Sie zuletzt einen Restaurantbesuch, bei dem Sie nur dachten: „Wow“?
Ich war im Lotus of Siam in Las Vegas. Das ist ein Thai-Restaurant. Ich hatte dort Khao Soi, ein Gericht, das meines Wissens aus Nordthailand stammt. Das erste Mal habe ich dieses Gericht in Chiang Mai gegessen. Als ich es dann im Lotus of Siam probiert habe, dachte ich: „Wow, das ist die beste Version dieses Gerichts, die ich je gegessen habe.“ Es war absolut großartig.
Las Vegas entwickelt sich immer stärker zu einer spannenden Food-Destination. Wie sehen Sie die Stadt kulinarisch?
Ich finde, Las Vegas ist eine fantastische Stadt für Essen. Ich eröffne dort nächsten Monat ein Restaurant, ein karibisches Steakhouse.
„Man kocht nicht für Fine Dining. Man kocht für Geschmack. Man kocht mit Respekt vor dem Gericht besonders dann, wenn man es aus seinem ursprünglichen Umfeld herausnimmt, etwa von der Straße in einen anderen Raum.“
Wenn wir zehn Jahre in die Zukunft blicken: Was wird authentisches Essen definieren und wer entscheidet, was authentisch ist?
Authentizität liegt im Auge des Betrachters. Wenn man nach Mexiko reist und in einem Haus Mole isst, bin ich sicher: Im Haus nebenan schmeckt die Mole wieder anders. Wenn man in Jamaika Oxtails isst und danach im nächsten Haus dasselbe Gericht probiert, werden auch diese Oxtails anders sein. Authentizität liegt in dem, was man selbst am besten kennt immer mit Respekt gegenüber der jeweiligen Kultur.
Ich glaube nicht, dass man aus einer anderen Kultur kommen, ein Gericht einmal probieren und dann behaupten kann, man wisse genau, wie es schmecken muss. Aber wenn man lange genug in einer Region gelebt hat oder mit einem Gericht regelmäßig aufgewachsen ist, dann ist genau diese Version für einen selbst authentisch. Solange man dahinterstehen kann, führt das den Weg an. Tacos de canasta unterscheiden sich von Tacos in Guadalajara. Welche davon sind also authentisch? Es hängt von der Region ab, von den Menschen, die sie regelmäßig essen, und von der Zeit, die in diese Tradition investiert wurde. Es ist unglaublich wichtig, die Geschichte zu erzählen. Noch wichtiger ist es, diese Geschichte auch wirklich tragen und belegen zu können.
Sie sind nicht nur Koch, sondern auch eine Führungspersönlichkeit. Was macht für Sie gute Führung aus?
Zu denken, dass man niemals wirklich ein Leader ist. Eine gute Führungspersönlichkeit weiß, wie man folgt. Ich folge und Menschen folgen mir.
Welchen Rat würden Sie jungen Köchinnen und Köchen geben?
Der Weg ist die Belohnung bei allem, was man tut. Man sollte einen klaren Fokus auf den Nordstern haben. Aber man sollte nicht glauben, dass man, sobald man dort angekommen ist, plötzlich diesen einen großen Aha-Moment erlebt. Der Aha-Moment entsteht auf dem Weg. Genießt den Weg.
Redaktionelle Anmerkung
Dieses Interview wurde von Alexandra Gorsche, internationaler Moderatorin, Speakerin, Unternehmensberaterin, Influencerin und Journalistin, im Rahmen der Präsentation von Future Menus 4 in den Niederlanden geführt.
Mit ihrer Expertise in den Bereichen Food, Hospitality, Kommunikation, Kulinariktrends und Markenpositionierungverbindet Alexandra Gorsche regelmäßig führende Stimmen der Branche mit einem breiten Publikum — auf Bühnen, in Medien, bei internationalen Fachveranstaltungen und auf digitalen Plattformen.
Infobox: Wer ist Kwame Onwuachi?
Name: Kwame Onwuachi
Beruf: Koch, Gastronom, Autor
Küche: Afro-karibische, westafrikanische, amerikanische und kreolische Küche — geprägt von kulinarischem Storytelling der afrikanischen Diaspora
Bekannt für: Tatiana in New York City, Dōgon in Washington, D.C., Patty Palace by Chef Kwame
Auszeichnungen und Anerkennungen: James Beard Award Winner, Food & Wine Best New Chef, Esquire Chef of the Year 2019, Zagat und Forbes 30 Under 30, TIME 100 Most Influential People of 2025
Herkunft und Prägung: Aufgewachsen zwischen New York City, Nigeria und Louisiana, ist Onwuachis Küche stark von seinen Vorfahren, seiner Kindheit und den kulinarischen Traditionen der afrikanischen Diaspora beeinflusst.
Restaurants und Projekte: Tatiana in New York, Dōgon at Salamander Washington DC, Patty Palace by Chef Kwame im Citi Field, Las’Lap Miami sowie eine Partnerschaft mit SAHARA Las Vegas
Kulinarische Philosophie: Essen soll Geschmack, Geschichte, Kultur und Haltung transportieren nicht nur Technik.


