Daniel Engelhardt im Porporela Novigrad
Wie Istrien seine Küche verändert
12. Oktober 2026 · Alexandra Gorsche

Weniger Inszenierung, mehr Geschmack: Vom deutschen Fine Dining an die Adria. Im Porporela des Blu Mare Hotel interpretiert Daniel Engelhardt die istrische Küche modern. Zwischen Fisch, Trüffel, wilden Produkten und der Überzeugung, dass große Küche ihre Gäste nicht überfordern muss.
Trüffel oder Malvasia? Daniel Engelhardt muss nicht lange überlegen. „Schon Trüffel.“ Bei der nächsten Entscheidung wird es schwieriger: Sterneküche oder Strandküche? Seine Antwort sagt wahrscheinlich mehr über seine heutige Küchenphilosophie aus als ein langes Manifest: „Einen Snack am Strand und danach Sterne essen gehen.“
Es ist dieses Sowohl-als-auch, das gut zu seinem Arbeitsplatz in Novigrad passt. Im Restaurant Porporela des Boutiquehotels Blu Mare in Novigrad steht Engelhardt seit 2026 direkt an der Adria am Herd. Hinter ihm liegen Stationen in der deutschen Spitzengastronomie und zuletzt sechs Jahre als Küchendirektor des Factory Hotels Münster, wo er ein 18-köpfiges Team führte. Vor ihm liegen Meer, Istrien und eine Region, deren Produkte seine Küche bereits verändert haben. Sein Anspruch dabei klingt erstaunlich unprätentiös: „Meine Küche steht für Genuss ohne Selbstinszenierung – kreativ, überraschend, köstlich.“
Die Adria verändert den Blick aufs Produkt
Was verändert sich, wenn ein Koch aus Deutschland plötzlich jeden Tag auf die Adria blickt? „Der Bezug zum Fisch ist ein ganz anderer geworden“, sagt Engelhardt. Das klingt zunächst selbstverständlich. Kulinarisch steckt dahinter jedoch eine relevante Entwicklung: Nähe verändert nicht nur die Verfügbarkeit eines Produkts, sondern auch die Wahrnehmung. Wer Fisch nicht als beliebig verfügbares Handelsprodukt, sondern als Teil der unmittelbaren Umgebung erlebt, beginnt anders damit umzugehen. Diese Nähe scheint Engelhardts neue Küchenlinie zu prägen. Auf die Frage „Regionalität oder grenzenlose Inspiration?“ entscheidet er sich klar für Regionalität.
Istrien nicht kopieren, sondern interpretieren
Seine erste grundlegende Entscheidung im Porporela? „Komplett auf ein puristischeres Geschmackserlebnis zu gehen“, erzählt Engelhardt. Es gehe darum, unterschiedliche Geschmäcker miteinander zu verbinden, etwa bei einem Hauptgang mit Zitrone und Kartoffel. „Ich versuche, die istrische Küche modern zu interpretieren.“ Drei Worte reichen ihm, um seine Linie zu beschreiben: „Intensiv, aromatisch, nicht überkandidelt.“ Gerade das letzte Wort ist bemerkenswert. Denn Engelhardt kommt aus einer Welt, in der technische Präzision, Inszenierung und Komplexität lange als Ausdruck kulinarischer Ambition galten. Seine Zeit in der Spitzengastronomie möchte er dennoch keineswegs missen.
Carpaccio vom Wolfsbarsch
© www.guenterstandl.de
Restaurant & Sunset Bar Porporela
© Blu Mare Novigrad
Fuži mit Trüffel
© www.guenterstandl.de
Was bleibt von der Sterneküche?
Was hat er daraus mitgenommen? „Die Konzentration auf ein hochwertiges Produkt.“ Und was hat er bewusst zurückgelassen? „Den Gast zu sehr zu überfordern.“ Anspruch muss nicht zwangsläufig Komplexität bedeuten. Technisches Können kann sich auch darin zeigen, Dinge wegzulassen. Im Porporela lässt sich diese Haltung beispielsweise bei den Fuži beobachten. Die traditionelle istrische Pasta wird mit Trüffel und Malvasia-Reduktion kombiniert. Regionalität wird hier als eine zeitgemäße Küche verstanden. Auf der Karte stehen außerdem Wolfsbarsch-Carpaccio mit Limette und Ingwer, Tatar vom Black Angus mit gebeiztem Eigelb oder Rinderfilet mit Trüffelkruste und Süßkartoffelcreme. Dass pflanzliche Küche dabei nicht als Pflichtalternative gedacht wird, zeigt die 24 Stunden gegarte Aubergine mit Bulgur, Kichererbsen und Paprika-Lack.
Ein Produkt, das ihn überrascht hat
Nicht immer sind es jedoch die prestigeträchtigen Produkte, die in einer neuen Region besonders in Erinnerung bleiben. Auf die Frage nach seiner größten istrischen Entdeckung nennt Engelhardt ausgerechnet wilden Spargel. „Den kannte ich vorher gar nicht. Kleiner wilder Spargel, der hier überall an der Seite wächst.“ Ein Produkt, das fast unscheinbar wirkt und gleichzeitig viel über die Küche einer Region erzählen kann. Bei einem anderen istrischen Produkt wird Engelhardt hingegen grundsätzlich.
Warum kroatischer Trüffel mehr Aufmerksamkeit verdient
Welches Lebensmittel aus Istrien wird international unterschätzt? „Der Trüffel, ganz klar.“ Während Frankreich und Italien im internationalen Bewusstsein fest mit Trüffeln verbunden seien, werde Kroatien deutlich seltener genannt. Engelhardt sieht dafür aus geschmacklicher Sicht wenig Grund: Der kroatische Trüffel habe ein intensives Aroma und könne „mit den großen Namen mithalten“. Und so schließt sich der Kreis zur ersten Frage des Interviews: Trüffel oder Malvasia? Ganz klar Trüffel. Wobei man in Istrien glücklicherweise nicht zwingend wählen muss.
Bauchgefühl statt Kochbuch
Auch beim Kochen selbst entscheidet sich Engelhardt klar: Bauchgefühl statt Rezeptur. Das bedeutet nicht, Präzision über Bord zu werfen. Es zeigt, wie Engelhardt denkt und arbeitet und erklärt vielleicht auch seine überraschende Antwort auf die Frage, welches Gericht ihn selbst am besten beschreibt. Kein filigraner Signature Dish. Keine komplizierte Komposition. „Ein Eintopf.“ Warum? „Viel Liebe drin, von allem was dabei und zum Schluss am besten ein bisschen Säure dazu.“ Es dürfte eine der sympathischsten Kurzbeschreibungen einer Küchenpersönlichkeit sein.
CHEF CHECK | Daniel Engelhardt
Jahrgang: 1987
Position: Küchenchef Restaurant & Sunset Bar Porporela, Novigrad
Engelhardt wurde durch Stationen in mehreren Sternerestaurants geprägt, bevor er sechs Jahre lang als Küchendirektor im Factory Hotel Münster tätig war und dort zuletzt ein 18-köpfiges Team führte. Im Porporela verbindet er diese Erfahrung mit Produkten und Geschmacksbildern Istriens. Seine Küchenphilosophie bringt er selbst auf einen bemerkenswert einfachen Nenner: „Genuss ohne Selbstinszenierung: kreativ, überraschend, köstlich.“
PLACE CHECK | Porporela
Direkt am Meer gelegen, ist das Restaurant & Sunset Bar Porporela sowohl für Hotelgäste als auch für externe Gäste geöffnet. Die Küche verbindet istrische Produkte und mediterrane Einflüsse mit Engelhardts Fine-Dining-Erfahrung. Die Sunset Bar serviert neben Drinks kleine Gerichte wie Pastrami Focaccia, Burrata Creme Focaccia oder unser Highlight Cevapcici Hotdog. Das Restaurant öffnet mittwochs bis sonntags ab 18 Uhr. Besonders spannend für Reisende: Damit funktioniert Porporela nicht nur als klassisches Dinnerrestaurant. Vom Nachmittagsdrink bis zum Abendessen lässt sich der Ort als fließendes Sundowner-Erlebnis nutzen.
HOTEL CHECK | Blu Mare Novigrad
Klein statt anonym: Das Boutiquehotel Blu Mare verfügt über lediglich 27 Zimmer, jeweils mit Balkon und Meerblick. Die Lage auf Novigrads autofreier Halbinsel macht das Meer zum eigentlichen Protagonisten des Hauses. Sunrise Yoga, Sauna, Dampfbad und Treatments ergänzen das Angebot. Kulinarisch bleiben Gäste mit Sunset Bar und Porporela ebenfalls im Haus. Damit folgt Blu Mare einem interessanten Hospitality-Prinzip: Das Hotel wird selbst zur Destination. Frühstück, Rückzug, Meer, Sundowner und Dinner funktionieren an einem Ort, ohne dass Gäste für jeden Programmpunkt wieder aufbrechen müssen.



