Genusspunkt
food & beverage

Zu viel Kunst für ein Business?

Was passiert, wenn ein Chocolatier lieber seiner Intuition folgt als einem Businessplan?

19. Oktober 2026 · Alexandra Gorsche

Alex Kühn
© Goldhelm

Alex Kühn hat mit Goldhelm aus einer geschenkten Marmorplatte ein außergewöhnliches Genussuniversum geschaffen. Er verwandelt Kakaobohnen in Geschmackserlebnisse, Illustrationen in Geschichten und eine Manufaktur in einen Ort voller Leben. Eine faszinierende Geschichte darüber, wie aus künstlerischer Freiheit unternehmerischer Erfolg wird. Und warum seine unverwechselbare Handschrift sogar das Cover der GENUSSPUNKT-Ausgabe 03/2026 prägt.

Ein Anfang mit rosa Pfeffer

Im historischen Haus „Zum Güldenen Helm“ zog Kühn seine ersten Tafeln auf einer Marmorplatte aus, die ihm ein Freund geschenkt hatte. Verpackt wurden sie in Papier, das er selbst bemalte. Geld für einen Grafiker gab es nicht. Anfangs führte er auch Schokoladen bekannter Chocolatiers. Als Kundinnen und Kunden stattdessen zu seinen Kreationen griffen, wurde aus dem Experiment eine Perspektive.

Der gelernte Werbegrafiker hatte zuvor als Koch gearbeitet und Musik gemacht. Lange suchte er nach einer Tätigkeit, die all seine Interessen vereinte. In der Schokolade fand er sie: Rezeptentwicklung, Handwerk, Zeichnung, Begegnung. „Ich mache Dinge so beim Gehen“, erzählt er im Gespräch mit GENUSSPUNKT. Ideen entstehen bei ihm weniger am Schreibtisch als auf Reisen, beim Essen und im Austausch mit Menschen.

Alex Kühn

© Goldhelm

Bei der Gestaltung

© Goldhelm

Von der Bohne bis zum Aroma

Seit 2018 reist Kühn regelmäßig in Kakaoanbaugebiete, wählt Bohnen persönlich aus und beschäftigt sich mit deren Verarbeitung. Goldhelm arbeitet als Chocolatier und Chocolate Maker: Nicht nur Pralinen und Tafeln werden gestaltet, auch die Schokolade selbst entsteht aus der Bohne. Für den Geschmack macht das einen entscheidenden Unterschied. Sorte und Herkunft prägen das Potenzial eines Kakaos; Fermentation und Trocknung beeinflussen die Entwicklung seiner Aromavorstufen. Beim Rösten entstehen weitere Noten, die von fruchtig und floral bis nussig oder erdig reichen können. Mahlen, Verfeinern und Conchieren formen schließlich Textur und Mundgefühl. Goldhelm verarbeitet die Masse auf eine Partikelgröße unter 30 Mikrometern, für einen feinen Schmelz, der Aromen ohne störende Körnigkeit freigibt.

Wie stark ihn nicht nur Rohstoffe, sondern auch ihre Geschichten interessieren, zeigen die Regionsschokoladen. Für eine frühe Hiddensee-Kreation brachte Kühn selbst gesammelten Sanddornsaft mit. Die Begegnung mit einem Freund, der ihm besonders intensiven Saft besorgte, blieb ebenso Teil der Erinnerung wie dessen Geschmack. „Ganz viele Schokoladen entstehen durch Begegnungen“, sagt Kühn. Herkunft ist bei ihm mehr als eine Adresse auf der Verpackung.

„Ganz viele Schokoladen entstehen durch Begegnungen.“

Ein Hof voller Zutaten

Rund 20 Kilometer von Erfurt entfernt liegt in Wülfershausen der Goldhelm-Schokoladenhof. Seit 2020 vereint der sanierte Vierseitenhof Produktion, Entwicklung, Eis- und Bierherstellung, Verkauf und Gastronomie. Auf den umliegenden Flächen wachsen Johannisbeeren, Tomaten, Kräuter, Blüten, Weinreben und Haselnüsse; eine eigene Gärtnerin betreut den Anbau. Allein 1.200 Haselnusssträucher wurden 2023 ergänzt. Die Nähe zu den Zutaten ist kulinarisch relevant: Reifegrad und Erntezeitpunkt lassen sich gezielter bestimmen, empfindliche Früchte und Kräuter rasch verarbeiten. Eigene Ernten fließen etwa in Fruchtkreationen ein; längerfristig sollen weitere Rohstoffe für Nougat und Schokoladen vom Hof kommen. Der Anspruch erinnert an eine gute Restaurantküche: Herkunft nicht nur erzählen, sondern schmeckbar machen.

Schokoladenhof

© Goldhelm

Goldhelm-Gastronomie

© Goldhelm

Goldhelm-Gastronomie

© Goldhelm

Hirschrücken und Trüffelpizza

© Goldhelm

Geschmack bekommt ein Gesicht

Jede Goldhelm-Tafel trägt Kühns Handschrift. Seine Illustrationen sind keine nachträgliche Dekoration, sondern Teil der Rezeptidee. Eine Kundin habe ihm einmal gesagt: „An Ihren Bildern, an Ihrer Verpackung sieht man schon, wie die Schokolade schmeckt.“ Für ihn eines der schönsten Komplimente. Kräftige Farben, dichte Linien, verspielte Figuren. Sie wecken Assoziationen, noch bevor das erste Stück auf der Zunge liegt. Kühns Zeichnungen waren inzwischen auch Gegenstand einer Ausstellung in Dresden. Dasselbe Prinzip prägt seine Geschäfte in Erfurt, Leipzig und Berlin: warme Apricottöne, weiße Möbel nach dem Vorbild alter französischer Apotheken und ein Ambiente, das mehr an einen Salon als an eine standardisierte Verkaufsfläche erinnert. Schon im ersten Laden ließ Kühn trotz knappen Budgets eine Wand öffnen, damit Gäste in die Küche sehen konnten. Handwerk sollte sichtbar werden.

Genuss über die Tafel hinaus

Goldhelm produziert auch NaturEis, ohne Fertigpulver, künstliche Aromen oder Konservierungsstoffe. Bio-Milch, Früchte, selbst gemachte Schokolade, Nougat und Karamell bilden die Grundlage für Sorten mit Namen wie „Peru Dschungelkakao“, „Käptn’s Karamell“ oder „Oma Ullas Nachtisch“. Der spielerische Zugang ist typisch: Gute Produkte sollen nicht nur schmecken, sondern Neugier auslösen. Auf dem Schokoladenhof wird aus dieser Idee gelebte Gastlichkeit. Die Flamberie verbindet offene Küche, Pizzaofen, Kaminfeuer und Sitznischen unter historischem Fachwerk. Wer hier isst, begegnet auch dem Ort, an dem die Zutaten verarbeitet werden. Für die Hospitality-Branche steckt darin eine wichtige Erkenntnis: Atmosphäre beeinflusst, wie wir Geschmack wahrnehmen und was vom Besuch in Erinnerung bleibt.

Goldhelm-Eisdiele

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Auswahl in Berlin

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Laden in Berlin

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Wachsen, ohne beliebig zu werden

Mit fast 200 Mitarbeitenden, wie Kühn im Interview berichtet, ist aus dem einstigen Ein-Mann-Projekt ein komplexes Unternehmen geworden. Die Schwierigkeit: Früher konnte er eine Sorte entwickeln und am nächsten Tag verkaufen; heute verlangen Planung und Vertrieb längere Vorläufe. Deshalb denkt er über exklusive Kleinserien für die eigenen Geschäfte nach, vielleicht nur hundert oder dreihundert Tafeln. So bliebe Platz für spontane Ideen, auch wenn nicht jede für den großen Vertrieb taugt.

Sein Beispiel zeigt, dass eine starke Genussmarke mehr braucht als geschicktes Storytelling: eine eigene Handschrift, konsequentes Handwerk und Erlebnisse, die tatsächlich erzählenswert sind. Für Kühn lautet der Maßstab dabei nicht möglichst schnelles Wachstum, sondern Freude an der Arbeit und die Freiheit, weiter zu träumen.

Man kann diese Haltung schmecken, sehen und nun sogar aufschlagen: Das Cover der GENUSSPUNKT-Ausgabe 03/2026 hat Alex Kühn eigens für uns gezeichnet. Ein Original, das die Leser:innen bereits in Händen halten, bevor sie seine Geschichte lesen. Schließlich beginnt Genuss manchmal lange vor dem ersten Bissen.

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